Die Geschichte von längst vergessenen Wegen und riesenhaften Salatblättern

24. Mai 2020/Uncategorized
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Ich hatte mir seit Urzeiten mal wieder vorgenommen mit meiner Kamera in den Wald zu gehen. Schließlich ist dort ja auch das sicherste Arbeiten möglich, maximaler Abstand zu Virusschleudern, genügsame Models, Ruhe, gute Luft, herrlich.

Ich ging also mit Fotoapparat und drei Masken bepackt zur Bushaltestelle. Etliche Personen warteten dort schon und ich fragte mich, ob ich erst ein Aerosolbad nehmen müsste, bis ich zu meinem Wald komme, doch just hielt ein Bus mit anderem Ziel in den aber alle einsteigen.
Wunderbar.

Ich stand dann dort noch ein wenig allein, bis in der Ferne ein kleines Gefährt anruckelte, daß sich beim Näherkommen als sogenanntes Linientaxi herausstellte, eine Art Winzbus mit 8 Sitzplätzen.
Also doch ein Aerosolbad, da schon Menschen drin waren.

An meiner Überraschung über die Busgröße zeigt sich, daß ich diese Strecke noch nie gefahren war. Ich wußte also den Namen der Haltestelle, an der ich aussteigen wollte, allerdings nur in etwa, wo sie war.

Die Monitoranzeige war kaputt, sodass ich mich komplett auf die mündliche Ansage der freundlichen Dame in den Lautsprechern verlassen musste. Und dank ÖPNV-App wußte ich auch, nach wie vielen Stopps ich aussteigen musste.
Da ich aber trotzdem nichts falsch machen wollte, wartete ich, bis ich den Namen meiner Haltestelle hörte und drückte dann sofort den Knopf.

Ein riesiges, rotes STOP erschien auf einem anderen Display, alles, was mich irritierte war dann wie vorbeirasende Haltestelle im Fenster. Da wir uns auf einer Schnellstraße befanden, machte es wenig Sinn zu protestieren, an einen Zwischenhalt war nicht zu denken.
Also nächste aussteigen.

Das Büschen hielt und weil ich verärgert war und auch schon an der Tür stand, traute ich ich mich nicht, nicht auszusteigen. Denn weit und breit war immer noch nur diese Schnellstraße zu sehen.
Die Tür öffneten sich, ich ging hinaus, der Bus entfernte sich und ich stand im Straßengraben. Hinter mir direkt ein Zaun und auf der anderen Seite… Urwald.
Kein Weg, kein Seitenstreifen, kein Trampelpfad, nichts.
Nur diese Straße, die rechts und links von mir in einer Kurve verschwand.
Ok. Cool.

Ich kreuzte im Affentempo die Straße, ging ein paar Schritte ins kniehohe Graß, freute mich schon auf die Zeckenbisse am Abend und suchte erst mal in Google Maps meinen Standort. Und dann ob da Wege waren.

Ein paar hundert Meter rechts von mir sollte ein kleiner Pfad abzweigen, allerdings müsste ich dafür direkt auf der Bundesstraße laufen, da an ihrem Rand direkt eine Böschung hinunterging ins dornige Gestrüpp. Außerdem sah es so aus, als ende der Weg auch nach kurzer Zeit wieder.
Wenn ich mich gleich hier querfeldein schlagen würde, sollte ein Weg in 200 Metern parallel zur Straße laufen.

Ich trampelte also das Gras nieder, versuchte den Brennesseln auszuweichen und fragte mich, was diese diese Massen an ledrigen Riesensalatblättern wohl für Pflanzen waren. Etliche Insekten gaben einen Scheiß auf irgednwelche Abstandsregeln und ich schimpfte und schlug um mich und wurde dann noch wütender, weil ich fand, ich gebe gerade eine Figur wie Rumpelstilzchen ab und wieso hat dieser blöde Busfahrer eigentlich nicht gehalten, nur deswegen gehe ich jetzt lost im berüchtigten brandenburger Gebüsch. Überhaupt, wann bekommen Wildschweine eigentlich ihre Frischlinge, sind die nicht superaggressiv dann???

Vor mir wurde es dichter, Bäume ragten auf, ich schaute noch mal auf die Karte, der Weg müßte jetzt in Sichtweite sein. Ich wechselte auf die Satellitenansicht und da wo der Weg sein sollte, waren einfach sehr sehr viele, eng beieinander stehende Bäume.

Links von mir gab es eine Art Schneise ohne Bäume, nur bewachsen mit diesem Monstersalat, Gräsern, Brennnesseln und sonstigem Grün und ich konnte mir vorstellen, daß hier zu Zeiten Friedrich des Großen noch ein gangbarer Weg gewesen war.

Ich überlegte kurz, ob ich mich einfach da durchschlagen sollte, wie das wahrscheinlich alle anderen Menschen machen würden, da war ich mir sicher, aber die Vorstellung, mir da eine halbe Stunde lang den Weg frei zu rupfen, bei jedem Geräusch eine tollwütige Bache anzunehmen (sind hier nicht auch wieder Wölfe?) und um dann festzustellen, daß es doch zu unpassierbar wird und wieder umkehren zu müssen, lies mich jetzt schon aufgeben.

Ich trampelte also zurück zur Schnellstraße, hangelte mich zur Haltestelle entlang und sah, daß ich noch fünfzehn Minuten auf den zurückfahrenden Bus warten müsste.

Ich überlegte, daß es bestimmt der gleiche Busfahrer sein würde und ob er mich nötigen würde, nochmal eine Fahrkarte zu kaufen, wo er doch bitte schön schuld war, daß ich hier unnötigen Gefahren ausgesetzt war. Überhaupt, was war das hier überhaupt für eine Bushaltestelle? Für wen und warum?
Kein Weg, keine Häuser, nur ein unpassierbarer Zaun ohne Tür. Autos und Motorräder flogen an mir vorbei und ich betete, daß alle geistig fit und aufmerksam waren.

Dann kam der Bus. Ich zog meine Maske an, die Türen öffneten sich und es war der gleiche Busfahrer. Ich nörgelte irgendwas von, halten Sie überhaupt an der anderen Haltestelle, vorhin haben sie da nämlich nicht gehalten, und er nörgelte irgendwas zurück und winkte mich rein.

Ich drückte sofort den Halteknopf und stellte mich an die andere Tür, er fuhr die Schnellstraße zurück und spuckte mich dann einen Kilometer weiter wieder aus.

Puh, endlich könnte ich meinen Trip starten. Ich schaute mich um, nach dem Weg in den Wald, aber da war kein Weg. Da war nur die Schnellstraße und sehr, sehr dichtes Gestrüpp. Ich fragte mich, ob ich bescheuert war, oder die Haltestellenplaner, ich meine, MAN MUSS DOCH VON EINER HALTESTELLE AUS IRGENDWO HIN KÖNNEN oder was???

Ich rief wieder die Karte auf und sah den nächsten Weg, so es denn wirklich einer war, 500 Meter von mir entfernt. Und die Stelle, wo ich eigentlich hin wollte, war vielleicht 800 Meter entfernt.

Das hieß doch, daß an dieser Haltestelle wirklich nie jemand aussteigt, sonst gäbe es doch mindestens einen Trampelpfad, oder irgendwas, aber hier war nur Gebüsch. Niedrig und ja, sehr SEHR dicht.

Gut. Ich würde nicht nochmal auf diesen Popelbus an dieser gemeingefährlichen Straße warten, also schlug mich rein. Ich lasse mir doch nicht von unfähigen ÖPNV Planern meinen Waldspaziergang zunichte machen, Herrgottzack.

Äste, Blätter, Gestüpp, Insekten, aber irgendwann ein winziger Weg, Gottseisgedankt, ich ging ihn weiter und schon bald blitzten bunte Karosserien durch die Bäume, da war er, der Startpunkt meines geplanten Spazierganges.

Ich kam mir vor, als sei ich nach Wochen wieder in der Zivilisation, wo alles etwas geordnet war, ja, zurechtgestutzt, für mich passierbar gemacht.

Ich atmete tief durch und beschritt den sehr breiten Waldweg, an den sich rechts und links überhaushohe Bäume anschlossen und fragte mich, ob mich dieses ganze zu Hause sitzen weich gemacht hatte. Ob ich überhaupt schon bereit war, für dieses Leben hier draußen.

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