Der behaarte Schmetterling – Frau H.

13. Mai 2020/Uncategorized

Dank Corona bin ich zur Zeit unter der Woche Strohwitwe, aber abgesehen von wenigen Einsamkeitsanfällen läuft das eigentlich ganz gut (ok, vielleicht bin ich EIN WENIG nachlässiger in Haushaltspflichten, die ich dann vielleicht ETWAS panisch gegen Wochenende wieder aufhole, aber das soll hier jetzt nicht das Thema sein).

Ich saß also gestern Abend recht entspannt mit einem schwarzen Tee am Wohnzimmertisch, hörte Podcasts über Selbstfürsorge (ein Wort, daß mir nach der überinflationären Achtsamkeit kleine Aggressivitätsadrenalinkicks im Hirn gibt) und Massenmörder und malte an einem Projekt, daß ich seit Jahresbeginn fertigstellen möchte. Das Gute ist ja, daß ich jetzt wirklich die Zeit dazu habe. Das Ernüchternde: ich schaffe es trotzdem nicht. Aber auch das ist ein anderes Thema.

Gegen 23:00 Uhr fuhr ich dann aber alle Geräte runter, machte die „Runde“, wie der Mann nicht müde wird mir einzubläuen, damit auch ja zur Nacht alles kontrolliert ist, putzte mir die Zähne und ging ins Schlafzimmer, um mich in meinen Nachtdress zu kleiden.

Da saß sie dann an der Wand. Ein Prachtexemplar einer schwarzen Motte. Unbeweglich klebte sie prominent an der großen weißen Wand und ich fragte mich, wann genau sie jetzt eigentlich hier hereingeflogen sein konnte. Es musste nach dem Duschen gewesen sein, als ich für Durchzug lüftete und dann drei Stunden über dem PC hing.

Ich presste mich an den Kleiderschrank, entkleidete mich und zog mein Schlafanzug an, alles ohne den Blick auch nur einmal von dem Tier zu wenden. Der Mensch kann sowas sicherlich noch instinktiv, von damals, als er in der Steppe Säbelzahntigern begegnet ist.

Ich ärgerte mich, daß wir keine Fliegenklatsche haben, mit der ich die Motte herumjagen könnte und überlegte, welches Werkzeug mir da Ersatz bieten könnte.
Dann fing sie an zu zucken. Es ging über in ein kleines Tänzeln, bevor sie dann ihre Flügel spreizte und sehr sehr hektisch losflog, mehrmals die Lampe umkreiste und schließlich hinter dem Vorhang verschwand und dort blieb.

Ich hatte kurz darüber nachgedacht einfach mit der Motte im Zimmer zu schlafen und verwarf diesen Gedanken aber nun, als ich aus meinem geschützten Standort im Flur wieder in das Schlafzimmer trat und extrem schnell mein Handy vom Bett klaubte und wieder in den Flur zurücksprang.

Ich weiß, daß ich eine latente Spinnenangst habe, allerdings ist es mir vollkommen neu, daß ich auch eine Mottenangst habe. Ich frage mich warum. Sie ist doch eigentlich nur ein sehr sehr behaarter Schmetterling mit Hang zum Goth.
Vielleicht sind diese ganzen Horrorpsychokriminetflixserien doch nicht spurlos an mir vorbeigebinged.

Ich fasste es selber nicht, aber ich legte mich auf unsere Couch im Wohnzimmer und schlief dort. So wie es eben ging.

Ich wachte halb fünf auf und stieg kurz herab in die Welt der Oberverschwörer auf Twitter, bevor ich wieder einschlief, träumte, daß ich betrogen wurde und dann von dem Geräusch irgendeines motorbetriebenen Gerätes erwachte.
Als es nicht aufhörte, schaute ich aus dem Fenster und sah einen Menschen mit einem langen Stab in der Hand, an dessen Ende eine kleine Kreissäge rotierte, die wohl so eine Art martialischen Rasenmäher darstellte.  Zwei weitere Menschen hockten im Sandkasten und popelten darin herum und ein weiterer setzte sich diesen Protonenenergiestrahlenapparat aus den Ghostbustersfilmen auf und laubblies alles umher.
Die Spielplätze werden also wieder eröffnet. Das freute mich, auch wenn die Eröffnung gerne hätte leiser stattfinden können.
Ich machte mir schicksalsergeben einen Kaffee, durchstieg nochmals die Untiefen der sozialen Medien und spielte dann so eine unsägliche Wimmelspielapp, von der ich nie dachte hätte, daß ich sowas mal spielen würde.

Jetzt war es Zeit. Ich trat ins Schlafzimmer, entkleidete mich wieder, nach einem prüfenden Blick in die Runde und zog mir meinen Tagesdress an. Dann trat ich an den Vorhang und warf die eine Seite zurück. Ich hielt kurz inne, dann kam die andere Seite dran.

Nichts.

Ich weiß noch, als ich 17 war oder so, kam ich mal nach Hause und niemand war da. Ich ging in mein Zimmer und eine handtellergroße Spinne prangte an der Wand. Ich stolperte runter ins Wohnzimmer und glotzte drei Stunden TV, bevor ich es wagte noch mal hochzugehen. Ich habe diese Spinne nie wieder gesehen.  

Monster, die plötzlich einfach weg sind, sind viel viel bedrohlicher als die, die wir sehen.

Add comment

Freelo Theme / Proudly powered by WordPress / Created by IshYoBoy.com