Montagsnebel – Frau H.

4. Mai 2020/Uncategorized

Am Daumen ist nichts mehr. Als wäre nie etwas gewesen. Trotzdem beschließe ich fürs erste keine Rosen mehr zu kaufen.

Heute ist Montag und ein sehr verdankter Montag, mit Kopfschmerzen und einem Nebel im Hirn, der mich keinen klaren Gedanken fassen lässt. Fällt es mir ohnehin schon schwer zu überlegen, was ich als nächsten tun soll, erscheint es mir heute morgen nahezu unmöglich. Meine bewährte Bewältigungsstrategie während dieser Zustände: Nichts. Einfach nichts tun. Das mache ich so lange, bis das schlechte Gewissen über die Dinge, die ich tun sollte so groß wird, daß ich doch was mache. Meist erst einmal einen Kaffee, aber dann doch mal eine Email schreiben oder Rechnung bezahlen. Am liebsten wäre es mir, wenn dann Einer neben mir stünde und mir genau ansagt, was ich tun soll. Ganz stumpf.

Das sind dann ganz genau wieder die Zeiten, die ich verfluchen werde, wenn ich irgendwann wieder zu viel zu tun habe. Wieso habe ich diese Zeiten nicht besser genutzt, werde ich mich dann fragen, besser genutzt, damit ich jetzt nicht so ultra viel arbeiten müsste? Und die Antwort wird wieder sein: weil dein Hirn vernebelt war. Mja.

Der Mann und ich sind Fahrrad gefahren. Erst durch den Wildpark und dann durch Golm, das ist ein Ortsteil von Potsdam, der sich einerseits durch anonyme Neubaugebiete nicht hervortut, andererseits aber noch ganz alte und sehr beschauliche Ecken besitzt.
Am Beginn einer dieser Ecken befindet sich ein gänzlich unscheinbares Häuschen, daß mir niemals aufgefallen wäre, wären wir nicht stehen geblieben, damit ich einen Schluck Wasser trinken kann.

Der eigentliche Grund, warum dieses blasse, graubraun verputzte Gebäude doch meine Aufmerksamkeit erhaschte, war das blaue „Polizei“-Schild neben der Tür.
Die Polizei hatte hier also eine kleine Haushälfte zur Verfügung. Und mit klein meine ich nur Erdgeschoß und ein Zimmer. Mehr konnte da nicht reinpassen. Das schien mir sehr absurd und es faszinierte mich ungemein. Kurz vor den weiten Feldern des Brandenburger Landes, in einem eher anonymen Ortsteil, gibt es irgendeinen Polizisten, der hier morgens seinen Dienst antritt, die kleine Treppe aus Waschbeton hochschlurft und die mittelbraune Holztür aufschließt. Dann schlappt er durch einen schmalen Flur, legt die Jacke ab und tritt in das in den 90er Jahren stehengebliebene Büro. Seine erste Amtshandlung gilt der Kaffeemaschine auf der Anrichte, vor den bei den großen Fenstern zur Straße hin. Anschließend fährt er den PC mit Windows XP hoch und bearbeitet die Akte von den beiden Landwirten, die sich seit Generationen in den Haaren liegen.
Dann erhält er einen Anruf der Nichte vom hiesigen Fleischer. Sie klingt sehr aufgeregt und er versteht kaum ein Wort. Sie sei bei den düsteren Teichen.
„Aber Emma, was ist denn passiert“, fragt er.
„Eine Leiche“, sagt Emma, sie habe ein Leiche in den düsteren Teichen gefunden.

Der Mann fragt mich, ob wir langsam weiter können und ich packe die Wasserflasche zurück in seinen Rucksack.
Zuhause schaue ich mir das Handyfoto vom Polizeihäuschen genauer an und entdecke, was auf dem Schild neben der Tür sonst noch steht:
Termine nach Vereinbarung.
Ich finde das ein bißchen traurig.

Ich recherchiere im Internet und erfahre Folgendes:
Im Ortsteil Golm gibt es nur die Revierpolizei.
Ich weiß nicht genau, wie man sich das vorzustellen hat, ob auf einem Polizeirevier immer Revierpolizisten sitzen oder ob man die anruft und sich dann auf einen Kaffee verabredet und die Schlechtigkeit der Welt bespricht.

Aber ich hänge sehr an der Vorstellung meines leicht übergewichtigen Dorfpolizisten, dessen große Stunde jetzt, während Corona, zu kommen scheint…

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