Das Accessoire der Stunde – Frau K

11. Mai 2020/Uncategorized

…ist, wie man uns glauben machen will, die Gesichtsmaske. Der Mundnasenschutz. Und allmählich glaube ich auch, daß es so ist, spätestens, seit ich neulich kontemplativ vor einer Ladenauslage stand mit besonders schönen Masken, die ausnahmsweise kein Muster aufwiesen, das man ab dem Alter von 8 Jahren als uncool ablehnen würde.
Auch die Verarbeitung war schön, ohne schlampige Nähte und hässliche Ohrgummis, die aussehen, als hätte man sie aus dem Schlüpper seiner Großtante gezogen.

Im Supermarkt, noch vor der Einführung der Maskenpflicht, sprach mich eine ältere Dame an und erzählte mir, asiatische Frauen kauften momentan große Mengen Monatsbinden auf, um sich daraus einen Mundnasenschutz zu basteln (das verbannte ich ins Reich der rassistisch angehauchten Verschwörungstheorien, wie es jeder täte, der einmal versucht hat, durch eine Monatsbinde zu atmen). Auch hörte ich von der Verwendung von Unterhosen zum Schutz vor Infektion, man klemme die Beinausschnitte einfach hinter die Ohren, zack, Infektionsgefahr gebannt.

Ich hatte dann die Idee, endlich per Maskenmassenproduktion das Business meines Lebens aufzuziehen und mich in die Reihe all jener zu stellen, die genau die gleich Idee hatten. Aber die stupide Fließbandarbeit, die auch keine war, weil ich mich ständig vernähte, was zum temporären Lockdown meines Gehirnes führte, bewirkte bei mir statt der erhofften meditativen Ruhe nur eine starke depressive Verstimmung, wobei ich da leider schon meinem halben Freundeskreis versprochen hatte, ihn mit selbstgenähnen Masken zu versorgen, knirsch.

Und überhaupt. Ich weiß nicht ob das mit Corona zu tun hat, aber noch nie hat mein Gesicht so gejuckt wie derzeit. Schon ohne Maske. Ich gehe raus – es juckt. Um mir nicht mit den Fingern im Gesicht herumzufahren (ACHTUNG TODESGEFAHR), entfremde ich Brillenbügel und Ärmelsäume. Und unter der Maske: Horror.
Bei jedem Atemzug reibt sie an der Nasenspitze und verursacht ein Kitzeln. Mit den Fingern die Maske berühren: noch größere Todesgefahr. Absetzen fahrlässig. Und sinnlos, man SOLL ja nicht anfassen, wie sich also kratzen. Die Gummis drücken hinterm Ohr (ich bin hochsensibel, bitte, ich bekomme sofort Verspannungen): daraus habe ich die Konsequenz gezogen und eine Maske mit besonders langen Gummis genäht. Das war nicht gut. Die Maske migrierte rasch in Richtung Oberkörper, alle Versuche, die Gummis enger zu knoten, versagten und einer riss komplett. Resigniert band ich meinen Schal ums Gesicht, was nicht einmal schlecht funktionierte, nur kamen mir all die Viren in den Sinn, die jetzt in meinem Schal wohnten und das war auch nicht gut.

Dann der Schrecken, wenn die Maske plötzlich aufgrund falschen Materials die Atmung blockiert und man eine Vorgeschmack auf die Symptome bekommt, die sie ja verhindern soll. Dann die Scham, wenn man feststellen muß, dass alle anderen coole schwarze Hipstermasken tragen und man selbst hat nen ollen Lappen aus den Resten einer 70s Bettwäsche, der einem beim Näh en noch so originell erschien. Ich habe mich tatsächlich nicht entblödet, mir im Zuge dessen bei einem Thai-Imbiss ein 2-er Set Masken zu ziehen, davon war die eine weiß und mein Gesicht sah plötzlich aus wie ein Babyarsch mit Windel, und die andere war schwarz und leider in Männergröße und mein Gesicht sah darin aus wie ein dicker alter Rockerarsch und noch dazu kroch sie mir in die Augen. Zu den Masken erhielt ich übrigens einen Glückskeks. Darin stand: EIN GROSSER MANN WERDEN SIE IN DER KARRIERE ZU HELFEN.

Ich habe auch mal so ’ne amtliche Vliesmaske aus der Apotheke probiert: nix zu meckern. Gummis nicht zu eng, man kann sie zwischendurch unters Kinn ziehen ( so macht das der coole Maskenträger, schon bilden sich da gesellschaftliche Codes, ich ahne es), der Sitz im Gesicht – perfekt, nicht beengt und doch schön straff.

Aber dann. Der Schweiß rinnt in Strömen um Mund und Nase. Die Poren machen dicht. Talgbildung. Spontanakne. Ich stelle mir die Viren bei einer ausgelassenen Poolparty mit Saunagang vor. Ich eile nach Hause und werde unterwegs von mindestens drei Maskenlosen angerempelt und muß den Wunsch unterdrücken, ihnen mit der Einkaufstüte die Schädel zu spalten.

Markus erzählt mir per Skype, seine Tochter sei tränenüberströmt vom ersten Corona- Schultag zurückgekommen. Keiner habe etwas auf Masken oder Abstandsregeln gegeben und sie war als Tussi beschimpt worden , als sie darauf bestand, sich die Hände zu waschen. Wenn Corona doch wenigstens diese Aluhut-Idioten treffen würde. Und Trump, Gott verzeih mir. Und Putin, Assad, Bolsonaro und die amtierende polnische Regierung.

Ich habe dann wieder gemalt. Das schützt nicht vor Corona, aber zumindest vor der Verzweiflung.

PS: ich habe nie versucht, durch eine Monatsbinde zu atmen.

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