Tag der Dorne – Frau H.

1. Mai 2020/Uncategorized

Heute ist Tag der Arbeit, 1. Mai. Das erste Mal ohne Maifeier (auf der ich die letzten Jahre schon eh nicht mehr war) und ob es ohne Proteste sein wird, wird man sehen. Also wie viel Protest. Ohne wird es sicherlich nicht.

Ich habe gestern die Rosen, die ich mir selbst zu meinem Geburtstag geschenkt habe, entsorgt.
Nicht, ohne eine ausgewachsene Monsterdorne in meinen Daumen zu rammen. Es fühlte sich gleich so an, als sei da ein Widerhaken dran und etwas sei in meinem Finger stecken geblieben.
Ich sah aber gar nix an der Stichstelle und habe es verdrängt, bis es abends wieder wehtat. Daraufhin habe ich Dornenstich gegoogelt und von einem Mann erfahren, der an einem Dornenstich gestorben ist, nachdem ihm wegen Sepsis erst Finger und dann der Arm amputiert werden mussten. Daraufhin fotografierte ich meinen Daumen mit meinem Handy, da meine Augen mittlerweile so schlecht sind, daß ich nah nichts mehr richtig scharf stellen kann.
Erschwerend hinzu kam, daß ich seit einem Unfall meinen linken Unterarm nicht mehr gegen den Uhrzeigersinn nach außen drehen kann. Das muss man aber können, wenn man sich seine Daumeninnenfläche anschauen möchte. Ich saß also da und habe mit der rechten Hand meine linke Hand nach außen gedreht und versucht gleichzeitig ein Foto vom Daumen zu machen. 
Nun habe ich zehn Fotos von meinem linken Daumen auf meinem Handy, mal mehr, mal weniger scharf. Allen ist gleich, daß man nix sieht, was man an anderen Tagen nicht auch sehen würde.

Ich schrieb mit Frau K., die sich just an diesem Tage ihre halbe Fingerkuppe abgesäbelt hatte und versuchte mich von ihr beruhigen zu lassen. Gleichzeitig beruhigte ich sie, daß ihre vor vier Jahren erhaltene Tetanusspritze bestimmt noch wirkt.

Heute fühlt sich mein Daumen noch genauso an, wie gestern und sieht auch noch genauso aus. Ein wunderschöner Abdruck, der jede Polizeidienststelle glücklich machen würde.
Weil ich aber immer noch so einen kleinen, stechenden Schmerz habe, wenn ich mit dem Zeigefinger über die Stelle fahre, so als säße ein winziger Splitter drin, habe ich mir eine Nadel (mit der ich neulich tatsächlich einen winzigen Splitter rausoperiert habe), ein Feuerzeug und ein Taschentuch geholt. Dann habe ich die Nadelspitze mit dem Feuerzeug desinfiziert und mit dem Taschentuch abgewischt und mich gefragt, wie schlimm es eigentlich ist, wenn man sich selbst Spuren von Ruß unter die Haut piekst. Dann habe ich versucht den winzigen Rest der verdankten Dorne herauszuhebeln, wußte aber nicht genau, wo ich hinstechen sollte, da ja überhaupt nichts zu sehen war. Ich fühlte also, wo der Schmerz war, merkte mir die Stelle und bohrte weiter darin rum und erinnerte mich dabei an die Momente in der Kindheit, in der man das erste Mal eine Sicherheitsnadel in der Hand hatte und damit unter die obersten Hautschichten stach und ein Stückchen weiter wieder rausstach und die Nadel dann an wenigen Hautschichten am Finger hing.

Ich erreichte mit meiner Aktion gar nichts, nur daß man jetzt wenigstens am Daumen auch was sah. Und abermals fragte ich mich, wer zu Hölle so etwas noch macht…

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