Wie Corona mir einen Jetlag bescherte und was dann geschah, oder : Markus ist schuld – Frau K.

1. Mai 2020/Uncategorized
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Markus ist immer Schuld. Zumindest, wenn es nach Frau H. geht. Frau H. bekommt immer nur mit, wenn ich über Markus schimpfe, weshalb sie ihn für ein Monster hält, dabei ist Markus wirklich liebenswert.
Markus ist nicht mein Mann, Markus ist mein Regisseur, was auf beruflicher Ebene auf das Gleiche rauskommt.

Markus hat also letzten Donnerstag für 9.30 einen Termin für eine Skype – Konferenz angesetzt, und wenn es auch für alle Menschen mit systemrelevanten Berufen und/oder Kindern ein entspannter Termin am späten Vormittag ist, bedeutet es für mich, zur nachtschlafenden Stunde aufzustehen und den restlichnen Tag mit hochgeklebten Augenlidern herumzuirren und gegen Türrahmen zu laufen (ja, auch das habe ich bereits fertiggebracht, mit dem Gesicht voran, ganz ohne prügelnden Partner), oder, und das ist, soweit möglich, meine bevorzugte Lösung, einen Mittagsschlaf zu machen.
Leider schlummere ich nicht, wie diszipliniertere Menschen es tun, sportlich für eine halbe Stunde leicht ein. Mein Körper klaut sich eine komplette Schlafphase und pennt schamlos zweieinhalb Stunden, es sei denn, mein eigenes Schnarchen weckt mich vorzeitig. In beiden Fällen (und hier nähern wir uns rasch dem Kerngeschehen) erwache ich verwirrt und unterzuckert, was bereits zu einigen Fressorgien Anlass gab, je nach Inhalt der Speisekammer.
In diesem konkreten Fall gab sie einen angetrocknete Brotkanten her, der hart und unhandlich war und als ich schlaftrunken das Messer ansetzte, um mir die dritte Stulle zu schneiden, rutschte mein großes, zum Brotschneiden völlig ungeeignetes Messer ab, und es war ein Gefühl zugleich von Keulenschlag und örtlicher Betäubung, als es sauber durch meine Fingerkuppe glitt und ein Stück derselben abschnitt.

Ich hatte noch die leise Hoffnung, es handele sich vielleicht doch nur um Hornhaut, ich habe dicke, gute Arbeiterhornhaut, aber bald sprudelte Blut und belehrte mich eines schlechteren.

Mein Magen reagierte mit warnender Übelkeit und mein Kreislauf hatte bereits den Abwärtsknopf gedrückt, also drehte ich einige kopflose Achter durch die Wohnung auf der Suche nach Pflaster, das ich, soviel war mir klar, noch VOR der nahenden Ohnmacht finden und applizieren mußte.
Das Pflaster, wie es so seine Art ist, klebte mehrmals an sich selbst fest, was es eben tut, wenn man hektisch hantiert, bevor es mir, bereits auf dem Fußboden sitzend, um im Notfall wenigstens weich zu fallen, gelang, es anzubringen. Noch während ich es fest auf die Wunde drückte, um das Blut zu stillen, war mir völlig klar, daß sich das spätestens beim Verbandswechsel rächen würde. Dann rannte ich zum Bett und ließ mich, Beine und Arm aufwärts gereckt, endlich fallen.

An diesem Abend geschah nicht mehr viel, außer daß Frau H.und ich uns über die Möglichkeit von Tetanus und Sepsis austauschten, (zweiteres hatte mit ihrer dramatischen Verletzung zu tun die sie, Koinzidenz, an ebenjenem Tag ereilt hatte), und ich wegen des angestauten Adrenalins und des Nachmittagschlummers lange nicht einschlafen konnte.

Anderntags, es war der erste Mai, wollte ich gerne einen Verbandswechsel vornehmen. Aber ach. Das Pflaster war mit der Wunde verwachsen wie ein obsessiv Liebender mit dem unfreiwilligen Objekt seiner Begierde, und hier hebt sich der Vorhang über dem zweiten Akt des Dramas ( es hat nur zwei ).

Ich versuchte es zunächst optimistisch mit einer heißen Dusche, die nicht das geringste bewirkte, wo sich doch normalerweise schon beim Gedanken an ein Händewaschen sämtliche Pflaster lösen wenn sie nicht sollen. Ich setzte mich also an den Tisch mit der Hand in einer Wasserschüssel (es gelang mir sogar nebenbei ein frühes Mittagessen zuzubereiten, denn mein Kreislauf hatte schon wieder den Fahrstuhl betreten).
So saß ich eine geschlagene Stunde. Nichts tat sich. Die Zeit verrann, mein Selbstekel (in Auflösung, im Bademantel, unfrisiert) wuchs, und dazu trieb mir plötzliche Panik, ich könnte es womöglich völlig falsch angepackt haben und das stundenlange Wässern würde eine grauenhafte Wasserkeimsepsis auslösen, dicke Schweißperlen auf die Stirn. Zum Glück gibt es Google, das mir sagte, komma klar, Drama Queen, es gibt keine grauenhafte Wasserkeimsepsis, zumindest nicht so.

Die nächste Stunde verbrachte ich dann schon liegend auf dem Bett, Hand weiterhin in Schüssel, und wand mich bei der Vorstellung, das Pflaster doch mit Gewalt vom Finger lösen zu müssen. Nach Ablauf dieser Stunde war nicht das Pflaster erweicht, aber doch meine Geduld, und ich tat genau dies.

Was dann nicht ganz so schlimm war. Das Wasser hatte zumindest einiges bewirkt. Natürlich floß Blut, aber ich pflasterte wieder, und diesmal sehr schlau um die Wunde herum, und alles weitere ist undramatisch und was bleibt, ist eine Anekdote und dieser Beitrag.
Den ich jetzt erst schreiben konnte, wo das Pflaster ab ist. Mit einem Finger zu tippen wäre doch etwas mühsam gewesen.

Ihre Frau K.

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