Verdankte Zeiten – ein Coronatagebuchbriefwechsel – Frau H.

28. April 2020/Uncategorized
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Es sind verdankte Zeiten.

Wer dieses wundervoll poetische und bedeutungschwere Wort „verdankt“ nicht kennt, dem sei Folgendes erzählt:

Eine meiner liebsten und sprachbegabtesten Freundinnen hat mir letzten November folgende Zeile in WhatsApp geschrieben:
„Ich bin die letzten zwei Tage rumgerührt, wie ne verdankte Seele.“

Falls sie euch mal in ihrer Wohnung empfängt, werden euch als erstes die zehn Meter hohen Decken auffallen. Gut, sie sind vielleicht nicht ganz zehn Meter hoch, aber gefühlt auf jeden Fall. Dann wird sie euch durch ihren Flur führen, an dessen Ende ihr in ihr Schalfzimmer gelangt und dort werdet ihr diese weißen Billyregale mit Aufsatz sehen, die bis unter die Decke mit nach Farbe sortierten Büchern gefüllt sind. Wirklich gefüllt. Und es ist alles dabei, vom unterhaltsamen Krimi, über die uralte griechische Sage im Original (oder so) bis hin zu den russischen Klassikern, die sie irgendwie mit drei Jahren schon verspeist hat (zumindest glaube ich das).

Obwohl deutsch ihre Zweitsprache ist, ist ihr Wortschatz definitiv besser als meiner und sie kann sich mitunter so exakt und kreativ ausdrücken, daß ich vor Erfurcht erblasse. Dies alles soll nur vorweggesagt sein, damit ihr einen Eindruck davon bekommt, wie ich bewerte, was sie so schreibt.

Als ich nun ihre WhatsApp Nachricht bekam, war ich sehr begeistert von diesem Wort. Verdankt. Ich stellte mir vor, daß sie es aus einem Roman von Tolstoi oder ähnlichem Schriftsteller übernommen und nun geschickt in ihren Wortschatz eingebaut hat und ich, die zehn halb oder gar nicht gelesene Bücher auf ihrem Nachtschrank verstauben lässt, kenne so ein literarisch hochwertiges und unendlich aussagekräftiges Wort natürlich nicht.

Verdankt. Etwas ist verdankt. Ich wusste sofort, was es bedeutet. Ein Tag ist verdankt, wenn man nichts von dem geschafft hat, was man eigentlich schaffen wollte. Eine verdankte Seele, ist eine, die nicht mehr zu retten ist. Wahrscheinlich war es mit dem Wort abgedankt verwandt. Vorbei, nicht mehr zu retten.

Ich schrieb ihr also in meiner prosaischen Art zurück:

Ich: Verdankte Seele. Du bist SO geil
Sie: (tränenlachender Smiley) Ich meinte „Verdammte“
Ich: Aber verdankt ist richtig literarisch
Sie: Wenn auch etwas sinnfrei?
Ich: Also, um ehrlich zu sein, dachte ich, verdankte Seele sei wieder so ein Ausdruck, wie „Scheiße im Gulli“ und ich war wieder beeindruckt, was du kannst.
Sie: Du überschätzt mich, ich fühle mich aber dennoch etwas geschmeichelt…

Von diesem Moment an haben wir das Wort zur Beschreibung eines mehr als unerquicklichen Zustandes benutzt. Verdankter Hexenschuss, verdanktes Leben, diese verdankte Kuh, verdanktes Wetter, verdankte Gedankenschleife, verdankter Montag, verdankte Nacht, verdankte Tage.

Und da heute Ende April im Jahre 2020 ist, finde ich, was könnte besser zu einem noch nie dagewesenen Virus passen, der tatsächlich den gesamten Globus lahmlegt (zumindest aus Menschensicht) und uns alle in eine Situation katapultiert, die wir so noch nie erlebt haben, da es wohl erst wieder in der Tiefsee oder auf dem Mond virusfrei ist.

Und mit eben dieser Freundin (die mich jetzt hasst, weil ich geschrieben habe, dass sie so sprachbegabt ist und ich jetzt den Druck erhöht habe) wird es ab jetzt hier einen Blog Briefwechsel geben, einfach nur so, einfach, weil wir gerade beide kaum arbeiten können, weil wir nicht wissen, wie es weiter geht, weil wir etwas ausprobieren wollen, weil wir diese Zeiten irgendwie schriftlich festhalten wollen, weil es uns vielleicht Halt gibt, weil wir vielleicht irgendwen damit unterhalten können, weil, wieso nicht.

Verdankte Zeiten

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